Automobilcorps


Historischer Hintergrund

Situation in Deutschland um die Jahrhundertwende


Das Deutschland zur Zeit Wilhelms II. war ein wirtschaftlich starker Staat, der Welthandel betrieb und „auf der Höhe seiner Kraft und seines Selbstgefühls“ [3] war. Unter den insgesamt 39 Physik- und Chemie-Nobelpreisträgern bis 1918 waren 13 Deutsche [4]. Das Großbürgertum erwachte kulturell und vor allem wirtschaftlich und wurde zu einem der Fundamente des ökonomischen Erfolgs des damaligen deutschen Reiches. Industrie, Forschung und etwas, das wir heute Innovation nennen, wurden zur Blüte gebracht. Die von Wilhelm verheißenen „goldenen Zeiten“ schienen für manchen angebrochen.

Auf der anderen Seite fühlte sich dieses Land bedroht durch eine Welt von Feinden.

Der militärische Erfolg im Krieg gegen Frankreich 1871 und der sich danach entwickelnde Versuch einer Einkreisungspolitik durch den „Erbfeind“ Frankreich mit Russland, insbesondere nach dem Nichtverlängern des bismarckschen „Rückversicherungsvertrages“ mit Russland durch Deutschland, führten zu einer tatsächlichen Schwächung der deutschen Positionen.

Spätestens mit der Unterzeichnung der Entente cordiale zwischen England und Frankreich im Jahre 1904 war Deutschland „eingekreist“. Unabhängig von den Gründen dieser Einkreisung – an deren Entstehung Deutschland gewiss nicht unbeteiligt war – führte sie zu einem strategischem Nachteil Deutschlands im Europa der Zeit vor 1914. Dies wurde durch die Deutschen auch wahrgenommen und war mit einer der Gründe, welche die Militarisierung des politischen Denkens in Deutschland verstärkte. Diese Militarisierung gerade des einflussreichen Bürgertums wurde durch das oft viel zu forsche Auftreten des Kaisers – eines im Grunde unsicheren Menschen, der von Kindesbeinen an unter der Verkürzung seines linken Armes litt – noch verschärft.
Die sich entwickelnde Verherrlichung alles Militärischen war durchaus nicht frei von gewissen Stilblüten. Der Bürger definierte sich selbst nach der Frage, ob er „gedient“ hatte. Uniformträger zu sein, wenn möglich Offizier, gehörte zum guten Ton. Die damit einhergehenden Übertreibungen kann man in Carl Zuckmayers berühmten Buch „Der Hauptmann von Köpenick“ nachlesen. Es ist die Geschichte eines arbeitslosen Schusters, der in geliehener Hauptmannsuniform einen Trupp preußischer Soldaten von der Straße weg unter sein Kommando stellt und die Stadtverwaltung von Köpenick, eines Ortes bei Berlin, kurzerhand besetzt. Dies nur um an Passunterlagen zu gelangen, die er für die Suche nach einer Arbeitsstelle benötigt. Eine wahre Geschichte, die angeblich auch in Allerhöchsten Kreisen wohlwollend bemerkt wurde.
Ein weiteres interessantes Beispiel für die Bedeutung der Uniform im öffentlichen Leben sind in den Zeitungen veröffentlichte Todesanzeigen jener Zeit. Hier wurde beim verstorbenen hochrangigen Professor, noch vor seiner Mitgliedschaft bei bedeutenden in und ausländischen Akademien der Wissenschaft, sein Titel als „Leutnant der Reserve a.D.“ genannt.
Deutschland war das einzige Land in Europa, in dem ein Redner vor dem Reichstag – immerhin der Volksvertretung – in voller Uniform und mit der Hand am Säbel auftreten konnte.

Darüber hinaus entstand im Land der Wunsch nach überseeischen Kolonien, dem vom Reichskanzler Bülow geforderten „Platz an der Sonne“, um den wirtschaftlichen Erfolg des damaligen Deutschen Reiches auf eine weitere damals als lohnenswert empfundene Basis zu stellen.
Dieser Blick über die Ozeane wurde jedoch durch die englische Flotte verstellt, die überall dort, wo die anfänglich noch kleine deutsche Marine sich blicken ließ, schon präsent war. Es begann eine maritime Aufrüstung in Deutschland, wie es sie bei dieser Landmacht, die sie im Grunde immer war, nie vorher gegeben hatte. Bezeichnend sind Fotos von Kindern dieser Zeit. Sie trugen zu allen passenden und unpassenden Gelegenheiten Matrosenanzüge.
Man glaubte, dass Deutschlands Zukunft auf dem Wasser zu finden wäre. Dies war Allgemeingut in Deutschland und wurde nur von wenigen infrage gestellt.

Wirklich gefährlich wurden die deutschen Marineanstrengungen dem angepeilten Gegner England wohl nie. Der einzige Effekt, der durch diese direkte Herausforderung der Seemacht England erzielt wurde, war der, dass England sich von einer gewissen Neutralität wegentwickelte und in den Jahren vor dem Krieg Deutschland als immer bedrohlicher empfand.

Teile der englischen Flotte laufen wenige Tage vor Beginn des Ersten Weltkriegs am 24. Juni 1914 friedlich in den Kieler Hafen ein. Ein offizieller Besuch anlässlich der Kieler Woche. Es waren Schiffe der 1. Flotte, u .a. King George V., Ajax, Audacious und Centurion. Die dunklen Wolken des Krieges kündigten sich bereits an. Foto einer Postkarte aus der Sammlung H. Hampe.


All diese Entwicklungen waren wie Gewitterwolken am Himmel, die sich irgendwann entladen mussten.

[3] Sebastian Haffner, Die sieben Todsünden des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg, Gustav Lübbe Verlag
[4] http://www.wissenschaft.de/sixcms/detail.php?id=151842


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Das Deutsche Kaiserliche Automobilcorps und seine Dolche - By Vic Diehl and H.Hampe