Automobilcorps


Entwicklung bis zum Ersten Weltkrieg

Das Corps


Kurz nach der Jahrhundertwende ließ sich die zukünftige Bedeutung des Automobils nicht nur als ziviles Fortbewegungsmittel, sondern auch im militärischen Bereich bereits erahnen.

Die wenigen Automobilbesitzer waren in der Regel vermögend, gehörten der Oberschicht an und waren staatstreu und monarchistisch eingestellt. Dem Zeitgeist entsprechend wollten einige von ihnen ihr fahrerisches Talent und ihr Fahrzeug nicht nur bei sportlichen Großereignissen dem staunenden Publikum vorführen, sondern auch ihrem Land militärisch nutzbar machen.
Was lag näher, als das Automobil und sich selbst als Fahrer dem Kaiser zur Verfügung zu stellen. Ein Wunsch, der an allerhöchster Stelle von dem technikbegeisterten Bruder des Kaisers, dem Prinzen Heinrich, gern erhört wurde. So ergab sich eine Situation, die allen Beteiligten verlockende Aussichten versprach: dem Militär die benötigten, vom Preise her jedoch der preußischen Sparsamkeit widersprechenden Automobile und den Fahrern die Mitgliedschaft in einer elitären Organisation.

Folgerichtig wurde am 28. Oktober 1904 in einer Sitzung des DAC vom Freiherren Rudolf von Brandenstein die Gründung eines militärisch organisierten Automobil-Corps beantragt. Diesem Antrag stimmten die Mitglieder des Repräsentantenausschusses zu. Prinz Heinrich hatte mit von Brandenstein bereits organisatorische Vorarbeit geleistet. So war es möglich, dass bereits am 6. Januar des folgenden Jahres der Freiherr von Brandenstein in seiner neuen Funktion als Stabschef des DFAC bei Kaiser Wilhelm II. zur Meldung erscheinen konnte. Zu diesem Anlass trug er erstmals die neue Uniform des Corps aus grauem Stoff mit dunkel- krapprotem Kragen, braunen Stiefeln, die ein wenig gelb aussahen, solange sie neu waren, und als Seitenwaffe einen Hirschfänger.

Dies waren die Geburtsmomente des Deutschen Freiwilligen Automobil-Corps (German Volunteer Automobile-Corps).
Auch in einer Kabinettsorder des Kaisers wurde das Corps so benannt. Die offizielle Abkürzung lautet D.F.A.C.




Der Kaiser ernannte seinen Bruder, Prinz Heinrich Albert Wilhelm von Preußen, zum Chef des DFAC.


Foto einer Postkarte aus der Sammlung H.  Hampe



Prinz Albert Wilhelm Heinrich von Preußen, bekannt als Prinz Heinrich, wurde am 14. August 1862 geboren und starb am 20. April 1929. Er war der jüngere Bruder Kaiser Wilhelms II. Als Karrieremarineoffizier hatte er verschiedene Kommandos in der deutschen Marine inne. Der Prinz war sehr populär im Norden Deutschlands, besonders aufgrund seiner Fähigkeit den richtigen Ton anderen Menschen gegenüber zu treffen. Er war technischen Entwicklungen gegenüber sehr aufgeschlossen.
Neben seiner Tätigkeit als Flottenchef der kaiserlichen Marine fand Prinz Heinrich im Jahre 1908 noch die Zeit, einen Scheibenwischer für Automobile zu erfinden und sich patentieren zu lassen. Der von J. H. Apjohn zuvor erfundene Wischer war ihm zu umständlich in der Handhabung und säuberte auch nur einen Teil der Frontscheibe
[6]. Am 9. Januar 1900 wurde ihm die Würde eines Dr. Ing. h. c. verliehen. Sein erstes Auto, einen Dampfwagen, erwarb er im Jahre 1902 auf einer Amerikareise. 1910 begleitete er den Grafen Zeppelin auf einer Fahrt mit dem Luftschiff nach Spitzbergen, woraufhin er den Pilotenschein im November des gleichen Jahres machte. Die Allgemeine Automobil-Zeitung würdigte seine technischen Kompetenzen anlässlich seiner silbernen Hochzeit:
„ ... er gehört zu den wenigen hohen Automobilisten, die nicht bloß das Steuer ihres Wagens meisterlich und korrekt zu führen wissen, dem Prinzen wohnen auch viele wertvolle technische Kenntnisse inne.“
[7]
Als Befehlshaber der Ostseemarinestützpunkte im Ersten Weltkrieg hatte er als Erster die Idee, ein Schlachtschiff so umzubauen, dass es als Flugzeugträger gegen Russland verwendet werden konnte.

Der erste Kommandeur des DFAC war Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg,

Postkarte Sammlung H. Hampe


Heinrichs Sohn, Prinz Waldemar von Preußen, der hier eine spätere Uniform des Clubs mit dem Seitengewehr 98/05 trägt.

Postkarte Sammlung Victor Diehl



Waldemar in Uniform des Clubs mit Dolch – Postkarte Sammlung H. Hampe



Buch aus der Bibliothek Waldemars v. Preußen
Sammlung  H. Hampe


Selbst Wilhelm von Opel, ein Mitglied der berühmten Automobildynastie, Vorstandsmitglied des Verbandes der deutschen Automobilindustrie und ganz nebenbei auch noch erfolgreicher Rennfahrer, ist „nur“ ein Mitglied des Stabes.

Auch die weitere Mitgliederliste liest sich wie ein Who`s who der Kaiserzeit:

Rittergutsbesitzer, Kaufleute, Rechtsanwälte, Architekten, Fabrikbesitzer, Ingenieure, Brauereibesitzer, Generalkonsuln, Professoren, Privatdozenten und ein Sektfabrikant – um nur  einige zu nennen. Auch der Nobelpreisträger für Chemie des Jahres 1920, Walter Nernst (1864 -1941), war Mitglied des Corps.

Selbst der bekannte Jagdflieger des Ersten Weltkrieges, der im Zweiten Weltkrieg als „Generalluftzeugmeister“ gescheiterte Ernst Udet war zu Kriegsbeginn Mitglied des Corps. Er wurde mehrfach als Flieger abgelehnt und diente zuerst als Motorradkurier auf eigener Maschine. Erst nach einer Verwundung erwarb er wiederum auf eigene Kosten den Flugschein und schloss sich 1915 den Jagdfliegern an.

Postkarte Sammlung H.  Hampe


Es ist bemerkenswert, dass viele jüdische Mitbürger Mitglieder des Corps wurden und auch während der Kriegszeit blieben. Die dem Verfasser vorliegenden Mitgliederlisten aus den Jahren 1910 und 1917 zeigten dies recht deutlich. Diese Tatsache ist wohl dadurch erklärbar, dass jüdischen Deutschen die Laufbahn als Offizier in der Regel erschwert war.
Als unrühmliches Beispiel, wie hinter vorgehaltener Hand über diese Mitglieder auch gesprochen wurde, soll uns hier der Bericht des Corpsmitglieds Alois Fürst zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg dienen, ein Mitglied des Hochadels aus Franken, der sich zu Beginn des Krieges beim Königlich Bayerischen Freiwilligen Automobil-Korps in München freiwillig meldete.
Der durch seine „Kriegsbriefe“ auch zu literarischer Bekanntheit gelangte Fürst hat uns in seinen Aufzeichnungen eine deutlich antijüdische Bemerkung zum Corps des bayerischen Königs Ludwig III. überliefert, die dieser über Fürst Löwenstein machte, als der Fürst bereits das Automobil-Corps wieder verlassen hatte.

Als der König im Jahre 1916 Lille in Nordfrankreich besuchte, schrieb Fürst Löwenstein nach Hause: „Mir sagte der König vor dem Weggehen, ,Es ist doch besser, dass Sie hier sind wie bei der Judengesellschaft (das Corps. d.Verf.). Sie kennen doch den Witz? (`) Und da ich verneinte, rief er Papus heran, der ihn erzählen musste: (,) Ein Herr erzählt: ich (bin) heute zwei Männer(n) begegnet, der eine war vom Automobilkorps, der andere war auch ein Jude“ [8]

Mitglied dieses Corps konnte nur werden, wer auch Mitglied im Kaiserlichen Automobil-Club war. So brach die Verbindung zur zivileren Gründungsorganisation auch über die Jahre nie ab und Corpsnachwuchs konnte weiterhin über den Club angeworben werden.
Die Satzung schrieb vor, dass sich jedes Mitglied für wenigstens vier Jahre zu verpflichten hatte. Dabei waren mindestens drei zehntägige Manöver zu absolvieren. Im Kriegsfalle hatte das Corpsmitglied mit seinem Fahrzeug sowie einem Mechaniker in Unteroffiziersstellung unbeschränkt zur Verfügung zu stehen. Auch die Fahrzeuge mussten der militärischen Nutzung angepasst werden und entsprechende Ausrüstung mitführen.
Dafür erhielt das Mitglied den Status des Reserveoffiziers zuerkannt. Dieser Status war bei Nichtmilitärs, insbesondere in bürgerlichen Kreisen und beim niederen Adel, hoch begehrt.

Bereits im Gründungsjahr 1905 beteiligte sich das Corps entsprechend mit 34 Fahrzeugen am Kaisermanöver. Dies nahm Wilhelm II. zum Anlass in einer Kabinettsorder vom 15. September 1905 das Corps ausdrücklich zu loben: Er richtete diese Order an den Chef des Corps, seinen Bruder Prinz Heinrich.

„Die von Mir abgehaltenen Manöver dieses Jahres haben dem Deutschen Freiwilligen Automobil-Corps zum erstenmal Gelegenheit zu umfangreicher Beteiligung geboten.
Ich freue Mich, Euer Königlichen Hoheit aussprechen zu können, dass Mich die Leistungen des Corps in hohem Maße befriedigt haben, indem jeder Einzelne mit Erfolg bemüht gewesen ist, unter Einsetzen der eigenen Person der ihm gewordenen recht schwierigen Aufgabe unter allen Umständen gerecht zu werden. Ich bin überzeugt, dass von den Diensten des Corps eine sehr wertvolle Unterstützung der höheren Truppenführung im Kriege zu erwarten ist. Indem Ich Euer Königlichen Hoheit als dem hohen Chef des Corps zu diesem Erfolge aufrichtig Glück wünsche, bitte ich Eure Königliche Hoheit, den Mitgliedern Meinen Dank und Meine lebhafte Anerkennung zum Ausdruck bringen zu wollen.

Coblenz, den 15. September 1905

Gez. Wilhelm I.R.“

Neben den jährlichen Teilnahmen an Manövern veranstaltete das Corps auch Zuverlässigkeitsfahrten und Ballonverfolgungen. Bei diesen Manövern mussten Automobile versuchen, einen Freiballon zu verfolgen. Hierbei ging es nicht immer ohne Bruch bei den eingesetzten Automobilen und Teilnehmern zu.

Die Kaisermanöver des Jahres 1907 widmeten sich u. a. dem militärischen Nachrichtenwesen. Das Automobil gewährleistete, dass die eingesetzten Manöverschiedsrichter an verschiedenen Orten eingesetzt werden konnten. Dies steigerte den recht geringen Realitätswert der damaligen Manöver – es wurden Attacken geritten wie zu Napoleons Zeiten, die Erfindung der Maschinenwaffe wurde fast gar nicht berücksichtigt – immerhin etwas.

Im Dezember 1907 trat von Brandenstein von seiner Stellung als Stabschef des DFAC zurück. Er wurde Vorstandsmitglied und Direktor der Deutschen Waffen- und Munitionsfabrik DWM. Bereits am 1. Oktober 1906 hatte er den Posten des Generalsekretärs des KAC aufgegeben.

Sein Nachfolger als Chef des Stabes des DFAC wurde der 1857 geborene Georg W. Büxenstein. Wir sehen ihn hier auf einer alten Postkarte mit seinem Hirschfänger in Uniform des Corps. Er war Mitbegründer des Kaiserlichen Automobil-Clubs und erfreulicherweise einmal ein Bürgerlicher.
Büxenstein war Besitzer einer Druckerei, die für die deutsche Reichsbank die Banknoten druckte. Er gehört zu den Vertrauten Wilhelms II. und ist der Erbauer des Schlosses Hubertushöhe bei Berlin. Dieses idyllisch an einem See gelegene Schloss verkaufte er im Jahre 1916. Heute ist es ein Hotel, in dem sich z. B. der ehemalige deutsche Kanzler Schröder mit dem französischen Staatspräsidenten Chirac traf.


Georg W. Büxenstein



Eine weitere Namensänderung des Corps erfolgte anlässlich des Geburtstags des Kaisers, am 27. Januar 1914. Es wurde aufgrund seiner Leistungen in „Kaiserliches Freiwilligen Automobil-Corps“ umbenannt.

Erwähnenswert ist hier auch, dass es ein bayerisches und ab dem Jahre 1906 auch ein sächsisches Freiwilligen Automobil-Corps gab. Diese waren aber von der Mitgliederzahl weniger bedeutend.

Es ist interessant, dass eine technische Entwicklung wie die des Automobils vom deutschen Heer anfangs nicht sehr beachtet wurde. Erst im Jahre 1907, immerhin zwei Jahre nach Gründung des Corps, erfolgte die Gründung einer „Kraftfahr-Abteilung“. Diese bestand aus fünf Offizieren und ungefähr 170 Mannschafts- und Unteroffiziersdienstgraden. Diese Abteilung wurde im Jahre 1908 in die Kraftfahrtruppen umgewandelt, die sich aber hauptsächlich mit dem Problem des militärischen Lasttransportes befassten. Zu diesem Zweck wurden zivil angeschaffte Lkw staatlich subventioniert, wenn der Besitzer sie der militärischen Nutzung zur Verfügung stellte.

Sicherlich zwei bemerkenswerte Lösungen für eine militärische Beschaffung. Einerseits das Schaffen von Anreizen für Herrenfahrer der Upperclass, militärische Aufgaben zu übernehmen – Status des Reserveoffiziers, Mitgliedschaft in einem elitären und waffentragenden Corps –, andererseits der finanzielle Anreiz für Besitzer von Lastkraftwagen, deren tägliche Arbeit durch das Tragen einer Uniform mit Seitenwaffe eher erschwert wurde, indem ein Zuschuss zur Anschaffung und zum Betrieb des Lkw geleistet wurde.

Dem heutigen Betrachter ergibt sich ein widersprüchliches Bild der damaligen Rüstungsanstrengungen.

Auf der einen Seite wurden technische Entwicklungen intelligent gefördert und der militärischen Verwendung zugeführt, auf der anderen Seite ritten altmodische Kavallerieeinheiten in schimmernder – und somit den Träger nicht tarnender – Wehr mit gezogenem Säbel und wehenden Standarten an ihrem begeisterten Kaiser vorbei. Ihre Gegner standen in Reih und Glied im Übungsgelände herum und waren offenbar über die Anwendung ihrer Maschinenwaffen – und vor allem über deren Wirkung – nicht ausreichend informiert worden.

Umso unbegreiflicher ist dieses Nichtverstehenwollen des modernen Krieges, da die ersten Maschinengewehre bereits beim Kaisermanöver 1899 zu Übungszwecken eingesetzt wurden.[9]

Das keinem der anwesenden Manöverbeobachter, die ja immerhin hohe und höchste Offiziere waren, dieser tödliche Widerspruch auffiel, ist völlig unverständlich und stellt im Grunde ein Pflichtversäumnis dar.


[6] http://www.tu-berlin.de/alumni/parTU/01dez/partu5_S09.pdf
[7] http://www.tu-berlin.de/presse/tui/03dez/wilhelm.htm
[8] Kriegsbrief Fürst Löwenstein, 14.Januar 1916
[9] Frederick Myatt, `Modern Small Arms`, Salamander Books, London , 1978

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Das Deutsche Kaiserliche Automobilcorps und seine Dolche - By Vic Diehl and H.Hampe